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WC #2: Charaktere erschaffen und entwickeln



Ladys and Gentlemen,


nun ist es schon das zweite Mal an der Zeit für eine kleine gemeinsame WC-Sitzung - und auch heute geht es weder um Stoffwechsel, noch um die beliebte Computerspiele-Serie von Activision/Blizzard - nein, heute möchte ich euch etwas zum Thema "Charaktere erschaffen und entwickeln" erzählen.


Schritt 1: Beobachtung


Der Schlüssel zu glaubwürdigen und fesselnden Charakteren liegt oft in unserem alltäglichen Leben. Es ist jedoch äußerst hilfreich, sich dessen bewusst zu werden und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Warum besitzt der Nachbar, der scheinbar nicht viel Geld hat, einen teuren Audi? Wie geht ein erfahrener Marktverkäufer mit seinen Kunden um? Was könnte sich der Serienregisseur bei der Gestaltung dieses Nebencharakters gedacht haben?


Indem wir uns solche Fragen stellen und uns passiv in die menschliche Psychologie - die echte, nicht die von Klischees und Tropes geprägte - vertiefen, haben wir bereits einen großen Schritt getan.


Natürlich geht es nicht darum, Personen zu suchen, die wir einfach kopieren können. Vielmehr sollten wir nach Inspirationsquellen suchen und Zusammenhänge verstehen, insbesondere das Zusammenspiel von Lebensrealität, Vita und gegenwärtigem Zustand. Es ist auch wichtig zu erkennen, wie viel mannigfaltener realistische Persönlichkeiten im Vergleich zu ihren medialen Gegenstücken sind.


Schritt 2: Konzept


Die eigentliche Charakterentwicklung gestaltet sich dann viel einfacher. Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Welchen Charakter brauche bzw. möchte ich?

  • Wie soll sich dieser Charakter im Verlauf der Geschichte verändern? (Lassen Sie sich hier gerne etwas Spielraum.)

Basierend auf Ihren Beobachtungen aus dem ersten Schritt überlegen Sie, wie Sie einen solchen Charakter erschaffen können. Welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Motivationen sind erforderlich, und woher nehmen Sie sie? Welche Schwächen gibt es, um die gewählten Stärken auszugleichen?


Persönlich neige ich dazu (ähnlich wie beim Weltenbau) umfangreiche Datenbanken anzulegen.


Anhand eines Beispiels möchte ich Ihnen gerne das Schema meiner Einträge für jeden Charakter vorstellen:

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Bork Schwefelstein

Aliases: Schwefelstein, Steinschneider-Bastard (von Sigurd)

Fraktion: Steinschneider-Gesellschaft, Bürger der inneren Viertel von Erzburg, Amarriniumclan

Volk: Zwerge

Wohnorte:

  • Borks Eigenheim im Erzhauerviertel von Erzburg (lebte seit seiner Geburt dort mit seiner Mutter, nach ihrem Tod allein)

  • Zwischenzeitlich in einer prunkvollen Kabine auf der Erzbuckel, einem Luftschiff

Geburtsjahr: 03.12.1809

Größe: 1,32 m

Gewicht: 55 kg

Statur: moderat korpulent

Haarfarbe: rot; grau meliert (Bart); kahlköpfig

Augenfarbe: blass-grau

Hautfarbe: sehr hell mit vielen Leberflecken

Sonstige Merkmale: Sehr lichtes Haar, daher trägt er es üblicherweise kahlgeschoren. In Erzburg legt er Wert auf gepflegte, hochpreisige Kleidung und ein gepflegtes Äußeres. Er sucht regelmäßig einen Barbier auf.

Beschreibung: Bork hat eine etwas vollschlanke und untersetzte Statur, selbst für einen Zwerg. Er ist kahlköpfig, und sein dunkelroter Bart ergraut langsam. Er trägt gerne teure Anzüge, die dem Modetrend der Menschen von Loras folgen, und krönt sie oft mit Hüten. Sein Gang ist leicht schlurfend. Sein Gesichtsausdruck ist normalerweise unfreundlich oder verächtlich, was seine Persönlichkeit widerspiegelt.

Persönlichkeit: Bork überhöht sich selbst und insbesondere seine Intelligenz enorm. Er betrachtet Effizienz um jeden Preis als das größte Gut, das sein Clan erreichen kann. Für andere Personen, ob Zwerge aus seinem Clan oder völlig andere Spezies, hegt er nichts als Verachtung und hält sie für Verschwendung von Platz und ineffiziente Narren. Er findet sogar radikale und eindeutig unmoralische Methoden wie Sklaverei akzeptabel, solange sie seinen Plänen dienen.

Mechanische Fähigkeiten: Bork besitzt keine ausgeprägten mechanischen Talente, insbesondere nicht für einen Zwerg.

Magische Fähigkeiten: Als Zwerg hat Bork keinen Zugang zur Magie.

Hintergrundgeschichte: Bork wuchs als einziger Sohn seiner Mutter Tirna Schwefelstein auf, ohne dass im Hause Schwefelstein jemals über seinen unbekannten Vater gesprochen wurde. Bork vermutet, dass seine Mutter eine Beziehung mit einem Zwerg aus höherem Adel hatte, deren Familie nichts von dieser Verbindung wissen durfte. Er besuchte die allgemeine Schule und versuchte anschließend erfolglos, Handel an der Akademie von Erzburg zu studieren. Während seiner gesamten Schul- und Studienzeit wurde er von seinen Mitschülern gemobbt und schikaniert. Um damit umzugehen, entwickelte er eine übertriebene Selbstüberhöhung. Selbst als er sein Studium aufgrund schlechter Leistungen abbrechen musste, betrachtete er sich als missverstandenen Visionär. Obwohl er weder Arbeit noch eine formelle Ausbildung hatte, konnte er dank des Wohlstands seiner Mutter gut über die Runden kommen und lebte bei ihr bis zu ihrem Tod, als er bereits über 40 Jahre alt war. Trotz mehrerer Versuche, sich bei der aufstrebenden Steinschneider-Gesellschaft für eine Führungsposition zu bewerben, wurde er immer wieder abgelehnt. Dies spornte ihn jedoch nur weiter an. Über Jahre hinweg schmeichelte er sich in den höheren politischen und wirtschaftlichen Kreisen ein, insbesondere bei den konservativeren Gruppierungen, um Unterstützer für seine Idee einer Expedition über das Geißelmeer zu gewinnen. Dabei verkaufte er nach und nach die wertvollen Besitztümer seiner verstorbenen Mutter, insbesondere ihre Sammlung exotischer Kunstgegenstände. Letztendlich verfolgte er nur ein Ziel: Der Steinschneider-Gesellschaft ein Argument zu liefern, das sie nicht mehr ignorieren konnten.

Geplante Charakterentwicklung/Plot: ANTI-SPOILER-ZENSUR ;)


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Schritt 3: Literarische Umsetzung


Der nächste Schritt besteht unweigerlich darin, Ihren neu konzipierten Charakter in Ihr Buch einzuführen. Hierfür sollten Sie zunächst den Zeitpunkt und die Umstände der entsprechenden Szene festlegen. Dann geht es los – und dabei sollten Sie stets den beflügelnden Grundsatz "Show, don't tell" im Hinterkopf behalten.


Natürlich könnten Sie schreiben: "Bork war ein grummeliger Stinkstiefel, der sozialer Kommunikation nicht viel abgewinnen konnte" – doch wäre es nicht viel spannender, diese charmanten Persönlichkeitsmerkmale einfach zu demonstrieren?

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Ein kahlköpfiger, vollschlanker Zwerg trat mit zusammengezogenen Augenbrauen in den Raum. Er blickte einmal durch die Runde, schnaubte und ließ sich dann auf einem der bereitgestellten Stühle nieder.
Der Vermittler räusperte sich, um die Spannung in der Gruppe zu lösen. "Guten Abend. Da Sie neu bei uns sind, könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?"
Der alte Mann rollte genervt die Augen. "Schwefelstein", brummte er mit rauer Stimme.
Schweigend wartete die Gruppe auf weitere Informationen – sollte das wirklich schon alles gewesen sein?
Schwefelstein lehnte sich zurück. Nach einigen Sekunden sah er sich genervt um. "Was ist los? Warum starrt ihr mich so an? Kümmert euch lieber um euren eigenen Kram, anstatt hier herumzulungern und mich mit euren Blicken zu belästigen!"

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Ihr seht - der Effekt auf den Leser ist wesentlich größer.


Schritt 4: Entwicklung


Der letzte Schritt erklärt sich eigentlich von selbst - jeder Charakter, der eine höhere Relevanz in der Geschichte hat, sollte eine sinnvolle Entwicklung durchleben. Die sollte natürlich aus dem Nichts kommen sondern sinnvoll Stück für Stück geschehen und dem Charakter, sowie seinen Erlebnissen angemessen sein.


Wichtige Fragen, die man sich hier stellen kann:

  • Passt die geplante Entwicklung zu den Grundzügen des Charakters

  • Ist etwas geschehen, das potenzielle Meinungsänderungen des Charakters erklärt

  • Gab es kleinere Erlebnisse um den Charakter in seinen Entwicklungen zu festigen?


Das soll es für heute wieder gewesen sein. Ich wünsche euch viel Spaß und gutes Schreiben :)

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